Liebe Leserinnen, liebe Leser

Lefers

Tagebücher des Glaubens 

Liebe Leserin, lieber Leser. 

Eigentlich ist das doch schade. Ein bisschen zumindest: Heute benutze ich für viele Dinge fast ausschließlich mein Telefon. Kalendereinträge, Fotos, Kochrezepte, Bedienungsanleitungen, Texte, sogar die Bibel. Alles ist mittlerweile digital abrufbar. Auf hochglänzendem Bildschirm angezeigt, über den behände meine Finger huschen, tippen und wischen. Ab und an reinige ich die empfindliche Glasoberfläche mit einem Brillenputztuch. Und dann sind alle Spuren wieder beseitigt. Ob ich das Foto gespeichert habe oder ob ich es über eine Online-Verbindung runterladen muss – es sieht jedes Mal, wenn ich es anschaue, genauso aus wie zuvor. Heute, morgen, in 10 Jahren, ja theoretisch noch in 1000 Jahren. 

Und eigentlich ist das doch schade. Ein bisschen zumindest. Die Rezeptsammlung meiner Oma, da waren auf manchen Seiten Soßenflecken. Das Papier war sowieso schon vergilbt und teilweise etwas brüchig. Auf jeden Fall war es deutlich zu sehen, dass sie ihre Rezeptblätter immer wieder mal in der Hand hatte. Lesen konnte ich ihre Rezepte zwar nie so gut – meine Oma schrieb noch in Sütterlin. Und dennoch habe ich jedes Mal ein ganz intensives Gefühl der Erinnerung an meine Oma, wenn ich in ihrem Rezeptheft blättere. Fast so, als stünde sie neben mir und würde gerade einen ihrer leckeren Topfkuchen mit Rosinen backen. Auch bei Fotos, die auf Papier gedruckt sind, und die ich in der Hand halte, empfinde ich ähnlich intensiv. Bei allen Dingen jedoch, die mir nur auf einem beleuchteten Glasbildschirm erscheinen, fühlt sich alles aber irgendwie distanziert an. Manchmal sogar unecht und flüchtig. 

Was meine Oma auch hatte, waren ein Gesangbuch und eine Bibel. Von beiden Büchern waren die Seiten schon heftig zerfleddert. Aber meine Oma hätte diese ihre beiden Schätze niemals gegen neuere Exemplare eingetauscht. Beide Bücher waren voll mit kleinen handschriftlichen Notizen und Anmerkungen, in viele Seiten war etwas eingelegt. Ein Bild. Ein Kalenderblatt. Ein frommer Spruch. Es waren Tagebücher des Glaubens. 

Auf meinem Glasbildschirm kann ich das nicht. Und wenn ich auch digitale Notizen machen würde – auffallen würde es dennoch nicht. Keine Gebrauchsspuren. Das Buch würde nicht beinahe aus allen Nähten platzen. Es sieht unbenutzt aus. Klinisch. Steril. Leblos. Ersetzbar. Nutzlos sogar. 

Und eigentlich ist das doch schade. Ein bisschen zumindest. Wo doch Gottes Wort lebendig und wirksam (Hebräer 4,12) ist. Und auch so benutzt werden sollte. Als lebendiges und wirksames Wort. Und auch so aussehen sollte. Benutzt und lebendig und wirksam.  

 Ihr Pastor

Matthias Lefers